die wüste wächst

Südschwarzwald, 2012: Es gibt ein Spiel von Jenova Chen, das Journey heißt. Dort begegnen sich zwei Fremde, als Ereignis, neu geboren in diese Welt, allein in einer rauen, rätselhaften Wüste, die ihnen widerfährt und in der ihnen nichts bleibt, außer sich zu berühren und zu sagen »ja; Wir müssen, müssen Freunde werden.«1. Ein Medium, das Heute, 13 Jahre später, für mich zu einer eigenen Geschichte, einem Memento geworden ist. Und so, wie sich meine Geschichte mit mir verändert, blicke ich auf dieses Medium immer wieder neu und erkunde mit ihm die Wirklichkeit. Als es erschien, las ich gerade den Zarathustra. Nietzsche hat die Wüste als Bedingung der Moderne erkannt. Individuen, die selbst zur Wüste geworden sind, weltverschlossen, ihre Berührbarkeit eliminierend und so der Welt beraubt, gefangen und limitiert im eigenen Kopf. Und dann imaginiere ich die Vor-Geschichte dieser Spielwelt als einen zerstörten Beziehungsraum: Eine geteilte Welt, zwischenmenschliche Interaktion, Interdependenz, die zerschnitten wurden. Was bleibt ist die ewige Wiederkehr ohne Ende, nicht mehr ansprechbare Menschen, eine Welt der formalen automatischen Abläufe und geschlossenen Logik, der Kälte und des Zweifels ohne Betroffenheit, verbindungslos und isoliert auf sich und das eigene Glück konzentriert und den inneren Prozessen ausgeliefert. Die Realität und Sicherheit wird nun vom menschlichen Geist selbst hergestellt, und alle Erfahrungen mit der Welt und anderen Menschen zu einer Erfahrung des Menschen mit sich selbst, auf sich zurückgeworfen. Es gibt kein innenweltliches Miteinander mehr, nichts mehr, das zwischen uns liegt.

Die Wüste zieht nach innen, wir werden lethargisch, wenn wir sie im Außen nicht mehr wahrnehmen, wir die Spannung aufheben, unser Urteilsvermögen verlieren, nicht mehr gleichzeitig erleiden und verurteilen können. Der Wüstenzustand wird konserviert, das Bestehende fraglos angenommen, sich reibungslos angepasst.

»[…] we lose the faculty of suffering and with it the virtue of endurance. Only those who can endure the passion of living under desert conditions can be trusted to summon up in themselves the courage that lies at the root of action, of becoming an active being.« 2

Jedes Mal, wenn wir uns entschließen, nicht zu fühlen, nicht in Verbindung zu sein, miteinander, mit der Welt, mit uns selbst, sich dem nicht zu stellen, kein lebendiger Mensch zu sein, weil wir Angst vor dem Schmerz oder uns an ihn gewöhnt haben, wenn wir uns zerstreuen oder verschmelzen, werden wir die Wüste nicht mehr wahrnehmen und erleiden und so auch keinen Grund haben, die Umstände zu verändern und etwas Neues zu ermöglichen. Die Quellen des Handelns versiegen.

Sinnliche Verbindung und Erfahrbarkeit der Welt, emotionale Berührbarkeit, Herausbilden einer Beziehung, die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist vom Erleiden-Können untrennbar. Wenn wir diese Fähigkeit nicht mehr haben, ist die Verbindung zur Welt durchtrennt.

Journey macht die Gründung eines neuen, auf Freundschaft begründeten Bezugsgewebes erfahrbar, das durch Berührbarkeit und freundschaftliche Zugewandtheit konstituiert und erhalten wird, als Bedingungen für Leidenschaft und Handeln, dafür, dass wir über den Zustand der Welt informiert und darüber aufgeklärt sind, wo Veränderungen notwendig sind. Die Abwertung des Emotionalen ist ein weiteres Anzeichen von Weltverlust. Ohne Innenweltlichkeit, ohne Interaktionserfahrungen, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen biologischen Nöten und innenweltlichen Leidenschaften. Leidenschaften beschützen den Menschen davor, die Wüste zu akzeptieren.

»[T]he two faculties that patiently enable us to transform the desert rather then ourselves, [are] the conjoined faculties of passion and action.« 3

Eine Wahrnehmungsfähigkeit, die dafür bürgt, dass der Mensch von der Mitwelt erreicht und angesprochen werden kann. Dass er berührbar ist, prägt jene Urteilskraft, mit deren Hilfe er einen Standpunkt in der Welt bezieht, eine Erweiterung der Realität.

So etwas Herz-Stärkendes, solche Oasen der Berührung, Interaktionen, ohne die wir nicht zu atmen wüssten, von denen wusste Nietzsche nichts. Es ist dieses Fehlen, das die Welt unwiderruflich in eine unveränderbare Wüste verwandelt. Um die Welt zu bewahren, bedarf es einer ununterbrochenen Interaktion mit ihr. Das Gegenteil von Emotion ist nicht Rationalität oder Ordnung, sondern Unberührbarkeit, eine pathologische Nicht-Betreffbarkeit von Ereignissen, die Unfähigkeit, auf das zu antworten, was einem geschieht.

»Absence of emotions neither causes nor promotes rationality. […] In order to respond reasonably one must first of all be ›moved‹, and the opposite of emotional is not ›rational‹, whatever that may mean, but either the inability to be moved, usually a pathological phenomenon, or sentimentality, which is a perversion of feeling.« 4

Ein Spiel, das bewegt, mit Spielern, die Geboren sind als Träger des Neuen und gleichzeitig der Unberechenbarkeit der Welt ausgesetzt sind. Es ist eine berührbare Freiheit, mit dem Mut, auf souveräne Selbstbestimmung zu verzichten und treffbar zu bleiben.

Ereignisse wahrzunehmen und als Elemente der Wirklichkeit anzuerkennen, Erfahrungen zu teilen, Berührbarkeit ist conditio humana. Journey ist ein Meditationsbild darüber was es heißt, Dank des Fremden nicht nur Mensch zu sein, sondern auch Mensch zu bleiben.

»I think it is that sense of personal connection that makes Journey powerful. In a market dominated by multiplayer games that revolve around killing one another, Journey’s mechanics are designed from the ground up to bring out the players good side, and encourages players - even strangers,- to be friends. In that sense it is an optimistic game, trusting in the inherent kindness of people. It’s a game that leaves players with something meaningful to think about, but doesn’t preach or become pedantic.«5

Es ist die universelle Kraft der Medien, die Verbindung des Schönen mit dem Wichtigen, die mich damals hat hoffen, sehnen und staunen lassen. Sie hat mir die Freiheit und die Weite gegeben, über das Schöne und das Gute nachzudenken, zu imaginieren, zu träumen und sie gab mir das Gefühl, zu mir zu finden und mit der Welt verbunden zu sein. Ich hatte, während ich in diesem kleinen Dorf im Hochschwarzwald saß, die Bedeutung von Selbstreflexion, Verantwortung und Liebe erinnert und Heimweh nach der gemeinsamen Welt. Dieses Heimweh hat mich tief bewegt und seitdem nie wieder losgelassen.

Es ist der Grund dafür, warum ich Medien- und Kulturwissenschaftlerin bin. Wegen der Treffbarkeit, jener Orte, an denen individuell erlittene Erfahrungen artikuliert und für alle anderen auch wahrnehmbar werden. Eine durch Veröffentlichung und Mitteilung gebildete geteilte Wirklichkeit. Medien, nicht als Weltverlust, sondern als Welt- und Wirklichkeitsgewinn und -erhalt, eine Öffnung, die Etablierung eines Bezugsgewebes, das Ereignisse anerkennen kann, als Ausdruck von Berührbarkeit und eines pluralen und freien Miteinanders, in dem nicht schon vorher darüber entschieden wird, wer dazugehört.

Maschinen sind weder urteilsfähig noch sagen sie uns etwas über die Welt. Sie sind kein berührbares Gegenüber und werfen uns auf uns selbst zurück, festigen den Status Quo. Sie haben keinen schlechten Charakter, sie haben gar keinen – man kann sich nicht mit ihnen einigen oder sie überzeugen. Selbstbestimmt angetretene Prozesse, die mit Verschiedenheit nicht behutsam umgehen und sich die Welt dienlich machen und instrumentalisieren, den Menschen als Mensch um seiner selbst willen nicht anerkennen, sondern nur noch als Mittel für einen weiteren Zweck, verschlossen und stabilisiert. Sie bringen nichts Neues in die Welt, sind zu Leidenschaft und zum Handeln nicht fähig. Ich denke, wir sollten anfangen darüber zu urteilen, wann wir bereits auf dem Mars leben und ob wir aus Angst und Größenwahn die Welt verlieren wollen. Es ist keine Tugend, Gott oder Automat zu sein.

*1 Lessing: Nathan der Weise, 2 & 3 Arendt: Epilogue, 4 Arendt: On Violence, 5 Matthew Nava: Preface

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roter himmel: theorie und ästhetik der befreiung